„Der Künstler und wie er wird“

Vortrag vor Studenten der Hochschule Mainz

4. Mai 2022

Ich möchte heute eine Fährte wiederaufnehmen.
Den Zettel mit folgender Aufschrift habe ich vor knapp 24 Jahren gefunden:
„Fährte / 1000m / gelegt: / 20.11.1998 / 15 Uhr 15“
Gefunden beim Spazierengehen, irgendwo im Rheinhessischen.
Was bedeutet dieser Zettel für mich?
Rückblickend kann ich sagen: er markiert einen Anfang, der bis heute wirksam ist.
Schon lange vor diesem Anfang war ich Kunststudent in Mainz.
Hatte bereits viele Spuren entdeckt.
Witterung aufgenommen.
Da war der Geruch des frisch geschlagenen Holzes.
Ein Stück vom Stamm einer Buche hatte ich beim Förster im Taunus abgeholt.
Und in die Werkstatt für Bildhauerei geschafft.
Mit der Arbeit am Holz konnte begonnen werden.
Vielleicht war der Anfang aber schon gemacht:
Diese Fahrt in den Taunus.
Der Baum und die Zeit, in der er gewachsen war.

Wo sollte der Ort sein für die Arbeit?

Über eine Stufe in der Werkstatt konnte ich durch das Fenster ins Freie steigen.

Auf die Wiese vor der Werkstatt.

Schon bald hatte ich das Holz auf eine Sackkarre geladen.
Und zum Zitadellengraben geschoben.
Dichter Bewuchs zwischen den alten und hohen Mauern.
Der schmale Weg durch den Graben eine Sackgasse.
Aus der Stadt kam hier kaum ein Geräusch an.
Vom Frühjahr bis zum Sommer habe ich aus dem Holz einen Kopf herausgehauen.
Mit Stechbeitel und Holzschlegel.
Der Takt der Schläge.
Einmal stand ein Zelt im Zitadellengraben.
Vor dem Zelt steckte ein Stock im Boden.
Und auf den Stock war ein Krähenkopf gespießt.
Daneben der von mir gehauene Kopf aus Holz.
Hierher verfrachtet.
Der Zeltbewohner sagte, er lebe in einer Anstalt.
Mache gerade Urlaub.
Der Kopf sei in der Nacht beim Gewitter vom Himmel gefallen, direkt vor sein Zelt.
Ein Totem.
Ich zeigte auf die Schleifspuren auf dem nassen Weg.
Und trug den Kopf zurück zur angestammten Stelle.
Beendete bald die Arbeit.
Den Kopf ließ ich stehen.
Er sollte hier bleiben.
Im Herbst war er dann nicht mehr da.
Nur noch Holzspäne.
Spuren.
Doch was ist mit der "Fährte"?
1998 wurde sie gelegt, so steht es auf dem Zettel.
Im Sommer 1998 war ich zu Fuß von Mainz nach Oberschlesien gegangen.
Mainz liegt auf dem 50. Breitengrad.
Der Geburtsort meines Vaters in Oberschlesien auch.
Mit Rucksack und Zelt war ich unterwegs.
Ohne Karte.
Orientierte mich am Sonnenstand.
Immer nach Osten.
Zwei Linien:
Die eine Linie, der Breitengrad, unsichtbar.
Teil eines Kartennetzes, zur Orientierung über das Bild der Landschaft gelegt.
Die andere Linie meine Fußspur.
Schritte in der Landschaft.
Auf Straßen, Wegen und querfeldein.
Die eine Linie ist Ideallinie.
Sie liegt „über“ der Landschaft.
Die andere Linie paßt sich an.
Sie liegt „in“ der Landschaft.
Sechs Wochen war ich unterwegs.
Zurück in Mainz habe ich ein erstes Blatt mit möglichst geraden Linien gezeichnet.
Freihand, ohne Lineal.
Vorbild war das karierte DIN A 4 Papier.
Bis heute zeichne ich diese Blätter so gut wie jeden Tag.
Das Zeichnen gibt mir einen Ort und eine Zeit.
Ich kann sagen, vorher habe ich einzelne Spuren gesammelt.
Dann diese Fährte aufgenommen.
Und aus der Fährte einen Weg gemacht.
Ich stehe am Zeichenpult.
Der Bleistift ist gespitzt.
Ich atme aus.
Ziehe eine Linie.
Atme ein.
Spitze den Stift an.
Atme wieder aus.
Ziehe die nächste Linie.
Das Messer muß scharf sein beim Anspitzen des Stifts.
Ich habe einen eigenen Arbeitsplatz nur fürs Schärfen von Messern.
Ich schärfe Messer für den Gebrauch.
Ich schärfe Messer auch ohne sie zu gebrauchen:
Wenn diese scharf sind, führe ich sie ein paarmal über den gröbsten Schleifstein.
Das Messer ist dann wieder stumpf und ich beginne den Schärfvorgang von vorn:
Grobschliff, Feinschliff, Politur.
Irgendwann kann ich die Klinge nicht mehr weiterschärfen.
In Japan habe ich einen Messerschmied besucht.
Zwei identische Messer hat er für mich angefertigt.
Eins für die Küche.
Das andere habe ich sieben Jahre lang ausschließlich geschärft.
Ohne damit jemals zu schneiden.
Was bleibt von dieser Arbeit?
Ein schmutziger Holzgriff mit Klingenstummel.
Schleifsteine, so dünn, daß sie beinahe brechen.
Und Abrieb von Stahl und Stein.
Zeugnisse unablässigen Tuns.
Ich bilde mich aus.
Schärfe mich selbst?
Bleibe dran, immer der gleiche Ablauf.
Tausendfach wiederholt.
Trete auf der Stelle.
Trete diese tausendfach aus.
Gewinne Millimeter um Millimeter.
Denke nicht an Anwendung.
Einfach im Tun.
Einfach Schärfen.
Einfach Linien ziehen.
Einfach Bleistifte spitzen.
Er wolle Spuren hinterlassen.
Das sagte mir ein Freund im Kunststudium.
Ich möchte lieber Spuren verwischen, sagte ich ihm.
In der Landschaft bleiben vom Gehen keine Spuren zurück.
Aber Grundsteine lege ich.
Um mit dem Hausbau zu beginnen.
Ich wähle besondere Orte.
Sechzehn sind es bis jetzt.
Mal liegen sie nah beieinander, mal tausende Kilometer voneinander entfernt.
Den zweiten Grundstein habe ich im Zitadellengraben gelegt.
Als Zeichen meiner Anwesenheit: Hier wohne ich.
Auch Zeichen meiner Anwesenheit: Die Bleistiftlinien auf dem Papier.
Ich sage mit jeder Linie: Ich bin da.
Nehme weiter Witterung auf.
Versuche Spuren zu erkennen.
Der Fährte zu folgen.
1000 Meter.
Nochmal 1000 Meter.
Die Fährte wird zum Weg.
Der Weg zum Werk.
Grundsteine werden zum Haus.
Es ist bewohnbar.
Es ist nicht bewohnbar.
Es wohnt sich.
Ich wohne den Weg.
Ich wohne das Werk.
Ich wohne mich.
Ohne mich.